Wahlkampf ohne Schlagworte

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Allgemein, Presseberichte | 21. September 2017

TROSSINGEN/KREIS TUTTLINGEN

Donnerstag, 21. September 2017

Wahlkampf ohne Schlagworte

Parteien Der ehemalige FDP-Vorsitzende Dr. Wolfgang Gerhardt erklärt den Besuchern im gut besetzten Trossinger Kesselhaus, warum es aus seiner Sicht eine starke FDP braucht. Während der neue Vorsitzende des FDP-Ortsverbandes Trossingen, Andreas Anton, und Bundestagskandidat Marcel Aulila das neue Gesicht der FDP prägen, liefert ein Altvorderer noch einmal das Hauptreferat des Abends: Dr. Wolfgang Gerhardt, mittlerweile 73 Jahre alt und als Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung nicht mehr den Aufgeregtheiten der Tagespolitik verpflichtet. Als Aulila, Jahrgang 1991, geboren wurde, saß Gerhardt bereits im hessischen Landtag. Ernst Burgbacher, langjähriger politischer Weggefährte Gerhardts, wird später bemerken, dass Gerhardt „nie Schlagwortpolitik“ gemacht habe. Ein Eindruck, der sich auch beim Vortrag in Trossingen bestätigt.

Wahlkampf macht Spaß

Gerhardt, ehemaliger Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, hat sich noch einmal für den Wahlkampf einspannen lassen. „Das hat Spaß gemacht“, sagt er fünf Tage vor dem Wahltermin. Er lobt den jungen Kandidaten des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen und wünscht ihm politisches Durchhaltevermögen, nachdem Aulila der Einzug in den Bundestag dieses Mal wegen eines hinteren Listenplatzes wohlverwehrt bleibt. Den forschen Auftritten der nachfolgenden Politikgeneration setzt Gerhardt die Abgeklärtheit einer fünf Jahrzehnte währenden politischen Laufbahn entgegen. Der Name Lindner kommt in seinem40-minütigen Vortrag gar nicht vor. Scheel und Genscher durchaus. Nicht dass er den jungen FDP-Vorsitzenden nicht schätzen würde („Er macht seine Arbeit sehr, sehr gut“, sagt er im persönlichen Gespräch), doch den Personenkult überlässt er anderen.

Gerhardt registriert dieser Tage eine „gute Stimmung“ für die FDP. Ganz anders als noch vor vier Jahren, als sich die damalige FDP-Spitze am Wahlabend nach Bekanntwerden der schweren Niederlage recht schnell aus dem Staub machte, wie Gerhardt heute schmunzelnd erklärt. Er, schon damals nicht mehr in vorderster Reihe, habe dann das Debakel erklären müssen. „Wir sind nicht an Frau Merkel, sondern an uns selbst gescheitert“, sagt Gerhardt heute. Die ehemaligen Trossinger FDP-Spitzenpolitiker Ernst Burgbacher und Ernst Pfister nicken wissend.

Vier Jahre später verheißen die Umfragen der Partei wieder Werte um die neun Prozent; der Wiedereinzug in den Bundestag dürfte gelingen. Auch Gerhardts Blick richtet sich auf den kommenden Sonntag und die Zeit danach. So ganz sicher ist er nicht, ob seiner Partei nicht noch vier Jahre in der Opposition ganz gut tun würden, sagt er am Rande der Veranstaltung. Andererseits dürften sich die Liberalen auch nicht verweigern, wenn sie zur Bildung einer tragfähigen Regierung gebraucht würden. „Es sind zu viele unterwegs, die zu bereitwillig das Geld anderer Leute ausgeben“, sagt der Wahlkämpfer. Auch dies sei ein Grund, warum dem neuen Bundestageine wieder erstarkte FDP gut tun würde.

Auch Gerhardt stimmt das hohe Lied der Eigenverantwortung an. Wer sich nicht in allem auf den Staat verlasse und gleichzeitig die Komplexität der heutigen Welt anerkenne, sei auch viel weniger anfällig für die „Märchenerzähler“. Wenn er damit meint, ist klar: die AfD, die sich dieser Tage anschickt, möglicherweise drittstärkste Kraft im neuen Bundestag zu werden. Deren Verachtung für die „Altparteien“ hält Gerhardt Verdienste mit durchaus historischer Dimension entgegen – etwa der Zwei-Plus-Vier-Vertrag Anfang der 90er-Jahre, den er als „Wunder der Weltgeschichte“ beschreibt. Gerhardt fordert „ein bisschen Stolz auf das Erreichte“ ein. „Wir müssen denen entgegentreten, die nur am Ressentiment arbeiten“, sagt der Liberale unter dem Applaus der Kesselhaus-Besucher.

Gerhardt zeigt sich als entschiedener Gegner einer Rückbesinnung auf die Nation. Den Brexit hält er für einen schlimmen Fehler, deren Protagonisten wie Boris Johnson für „extremkurzsichtig“. Und beim Gedanken an den amerikanischen Präsidenten: keine markige Ablehnung, eher entsetztes Schweigen eines engagierten Streiters für die transatlantische Allianz. Im weiteren Fortgang des Abends dekliniert der Gast aus Hessen das Wahlprogramm seiner Partei durch. Etwa die Kritik an der Bildungspolitik oder überzogenen Ansprüche vieler Eltern. Inklusion sieht er eher kritisch: „Ich glaube nicht, dass wir den Schwächeren gerecht werden, wenn wir die Stärkeren aufhalten.“

Beim Rentenalter will die Partei jeden Einzelnen entscheiden lassen, wann denn Schluss ist. In Sachen Europäischer Union fordert Gerhardt Härte gegenüber Staaten wie Ungarn ein. Für Länder, die Urteile des Europäischen Gerichtshof nicht akzeptierten, müsste der Rauswurf eine Option sein. Auf die Frage des ehemaligen FDP-Ortsvereinsvorsitzenden Dr. Hilmar Fleischer, in wiefern wirtschaftlicher Druck zu politischen Einlenken führen könne, verweist Gerhardt darauf, dass diplomatisches Geplänkel der Marke Steinmeier gegenüber Russland nicht weiterhelfe. Putin brauche klare Ansagen.

Ernst Pfister optimistisch

Umrahmt vom FDP-Panikorchestermit Gérard Deleye, Ernst Pfister, Ernst Burgbacher und dem dezenten Perkussionisten Marcel Aulila geht ein Abend zu Ende, der eine durchaus selbstbewusste FDP zeigte. Als Ernst Pfister 20 Prozent plus X für das Zweitstimmenergebnis der Partei in Trossingen vorhersagt, schaut Aulila kurz irritiert und sagt: „Wäre schön.“ mas

”Es sind zu viele unterwegs, die zu bereitwillig das Geld anderer Leute ausgeben. Wolfgang Gerhardt zu den Gründen, warum die FDP aus einer Sicht wieder in den Bundestageinziehen muss. Wird Trossingen wieder zur FDP-Hochburg? Beim Vortrag von Wolfgang Gerhardt war das Kesselhaus gut gefüllt. Foto: Markus Schmitz

Quelle: Südwestpresse/Neckarquelle vom 21.09.2017