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Freiburger Ehrenbürger Eugen Martin ist gestorben

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Allgemein | 16. Dezember 2010

Ein Kämpfer im Dienst der Allgemeinheit: Der Freiburger Ehrenbürger Eugen Martin ist gestorben. Ein Nachruf auf den Unternehmer und Mäzen von BZ-Redakteurin
Simone Lutz.

Wenn ein weithin bekannter Mensch gestorben ist, ein Mäzen und Unternehmer, dann gehören öffentliche Beileidsbekundungen zum guten Ton. Am Mittwoch, als in Freiburg bekannt wurde, dass Ehrenbürger Eugen Martin tot ist, war noch etwas anderes zu spüren: ehrliche Trauer und Betroffenheit. Eugen Martin, der in zwei Wochen 85 Jahre alt geworden wäre, ist in der Nacht zum Mittwoch nach einer Herzoperation nicht mehr aufgewacht. 

Die Lebensgeschichte von Eugen Martin war eine Erfolgsgeschichte, wie sie so ungebrochen wohl nicht oft vorkommt: Er war lange Jahre Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, Ehrenvorsitzender der südbadischen FDP, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes, Ehrenbürger der Stadt Freiburg.

Er war aber auch ein mitfühlender Mann, bescheiden im Auftreten, respektvoll im Umgang. Ehrungen nahm er mit Würde und Witz: Als er vor drei Jahren die höchste Auszeichnung erhielt, die die Bundesrepublik Deutschland an einen Privatmann zu vergeben hat – das Große Bundesverdienstkreuz –, sagte er nur: „Wenn du gelobt wirst über den Schellenkönig, dann hab’ acht.“

Seine tatkräftige Energie behielt Martin bis ins hohe Alter

Geschafft hat er das alles trotz denkbar schlechter Voraussetzungen. Für den Jüngsten einer Freiburger Familie mit sieben Kindern war kein Geld da, um ihn aufs Gymnasium zu schicken. Da sprach das Büble selbst bei einem Stadtrat vor, der nebenan wohnte, und der sorgte für ein Stipendium. Als junger Mann, verletzt aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, litt er lange darunter, dass er als Einserschüler nicht studieren durfte, sondern Geld verdienen musste. Er wurde mangels Alternative Verkäufer für Seife und Waschmittel, fuhr irgendwann nach
Düsseldorf zur Firma Henkel und stellte sich vor: „Ich bin der Wurzelsepp vom Schwarzwald und will zum Großverbrauch.“ Seine Geschäftsidee, Unternehmen und Verwaltungen Großgebinde mit Reinigungsmitteln zu verkaufen, war damals revolutionär und bescherte
Henkel ein Milliardengeschäft. Er selbst machte sich nach der Währungsreform selbständig und übernahm den Vertrieb. Sein bald florierendes Unternehmen „Marco“ und zahlreiche Firmengründungen machten ihn zum reichen Mann.

Seine tatkräftige, zielgerichtete Energie behielt Eugen Martin bis ins hohe Alter. Seinen Sinn fürs Praktische auch. Als er sich aus dem Berufsleben zurückzog und sein Unternehmen verkaufte, gründete er die Eugen-Martin-Stiftung. Fortan hatte er seine neue Rolle gefunden:
als „Oberbettler von Freiburg“, wie er sich selbstironisch bezeichnete.

Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Ingrid ging er die Sache entschlossen an. Die Martins nutzten ihr weit verzweigtes Beziehungsnetz, um Spenden und Fördergelder einzutreiben, für die Ausbildung junger Handwerker, für das renovierungsbedürftige Freiburger Rathaus, für das bröckelnde Münster, für die Sanierung des Augustinermuseums. Kaum jemand konnte seinem Charme entkommen; als Gast bei Feiern brachte er fast schon gewohnheitsmäßig Spendenvordrucke mit. Geschäftsführer von Unternehmen, die als potenzielle Geldgeber in seinen Blick gerieten, wurden nervös, wenn Martin anrief – dann war wieder mal eine Spende fällig.

Ehrenmann und Oberbettler

Er selbst spendete oft und gerne, und das nicht erst, seit er keine Geldsorgen mehr hatte. Im Grunde begann sein soziales Engagement, als er in der Nachkriegszeit die Freude der Kinder im Waisenhaus Günterstal über einen Schoko-Nikolaus erlebte: „Damals gab es keinen
Spielplatz, und so habe ich zugesagt, einen zu bauen. Dass das 10 000 Mark kostet, habe ich erst später mit Schrecken realisiert – aber da hatte ich schon mein Wort gegeben.“ Also ging Martin auf Betteltour, erfolgreich natürlich. Bereut hat er das nie: „Die Freud’ von den
Kindern, das geht dir durch Mark und Pfennig.“

Fast ein halbes Jahrhundert später wurde der inzwischen vierfache Opa wieder energisch. Als seine Frau mit zweien der Enkel zum Spielen in den Stadtgarten ging, bemerkte sie, wie abgewrackt der Spielplatz aussah. Freiburg hatte kein Geld – die Martins nahmen die Sache in
die Hand. Erst spendierten sie 1000 Tonnen frischen Sand, dann riefen sie die Aktion „Für die Kinder unserer Stadt“ ins Leben. Damit wurden Spielplätze auf Vordermann gebracht – und für jeden Euro, den die Martins erbettelten, legte die Stadt einen Euro dazu. Inzwischen sind mehr als 20 Spielplätze wieder tipptopp – für jeden wurde bei der Eröffnung ein Fest gefeiert, zu dem Ingrid Martin selbst gebackenen Kuchen beisteuerte. Von allen, die dafür Geld spendeten – egal, wie viel –, sprach Eugen Martin mit Hochachtung. Bei vielen klingelte er an der Haustür und bedankte sich persönlich mit einem selbst gekauften Blumenstrauß.

Glück und Erfolg hat er nicht an die große Glocke gehängt

Dass dieser freundliche und engagierte Mann nun gestorben ist, macht viele Menschen traurig. Er sei „ein Mensch mit einem großen Herzen“ gewesen, würdigte ihn gestern der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon. Erzbischof Robert Zollitsch sagte: „Als Stifter und
Spendensammler hat er andere an seinem Glück und Erfolg teilhaben lassen, ohne es an die große Glocke zu hängen.“

Eugen Martin würde sich bestimmt freuen über die Wertschätzung, eingefordert hätte er sie nicht. Ihm war anderes wichtig: „Es wäre eine Schande, reich zu sterben und nichts für die Allgemeinheit getan zu haben“, sagte er oft. Er selbst ist als Ehrenmann gestorben.

Der verstorbene Freiburger Ehrenbürger, Unternehmer und Stifter Eugen Martin wird am kommenden Mittwoch beigesetzt. Das teilt die Stadt Freiburg mit. Eugen Martin ist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 84 Jahren gestorben.

Quelle: Badische Zeitung, Freiburg, vom 15.12.2010, Autor: Simone Lutz, aktualisiert um 19.30 Uhr
http://www.badische-zeitung.de/freiburg-trauert-um-seinen-ehrenbuerger-eugen-martin